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Wir werden alle überwacht!
Mittwoch, 20.06.2007

1440 - 1650 Uhr

Dokumentation. Wir werden alle überwachtl
Morgen schon werden alle registriert, erfasst, gechipt und überwacht... Aber was, wenn diese Sicherheit letztlich nur Illusion wäre? Was, wenn die Waffen, die schützen sollen, sich plötzlich gegen ihre Erfinder richteten? Errungenschaften, Schwachstellen, Risiken und Widersprüche einer technologischen Flucht nach vorn.

Heute lässt sich genau nachvollziehen, was ein Internetnutzer im Web macht, zum Beispiel welche Bilder er wann und auf welchem Server herunter lädt. Besuchte Sites, Online-Einkäufe, herunter geladene Dateien, gelesene Artikel und so weiter. Fachleute für neue Technologien ziehen eine beunruhigende Bilanz über die Maßnahmen zur Überwachung des Individuums. Verfolgungs- und Identifizierungstools sind in Mode - von Peking bis Paris und von Tunis bis Berlin. Sehr beliebt sind Viren und Hackerprogramme, die die Kontrolle über PCs, Webcams und Mikrophone übernehmen und zu Hause oder am Arbeitsplatz in die Privatsphäre der Menschen eindringen. Die totale Überwachung ist in der Computerwelt bereits Wirklichkeit - auch wenn es keiner sieht und keiner merkt!

Begegnung mit Pierre Gattaz, dem Vorsitzenden des Verbands der französischen Elektronikindustrie: "In unserer demokratischen Gesellschaft wird Sicherheit oft als Einschränkung der persönlichen Freiheit empfunden. Es muss erreicht werden, dass die Bevölkerung die verwendeten Technologien wie Biometrie, Videoüberwachung und Kontrollen akzeptiert." Biometrische Verfahren kommen in immer mehr Unternehmen und Institutionen zur Anwendung, mitunter ohne Genehmigung der Datenschutzbehörde. Der Film zeigt Beispiele in einem Krankenhaus, einer Schule und einer Stadtverwaltung. Die Gewerkschaften sprechen von "Bespitzelung" und weisen auf neue Krankheiten durch Stress und ständige Überwachung hin. Auch die Fehlbarkeit biometrischer Technologien und die Risiken des Datendiebstahls sind Thema. Ein Mensch kann sein Passwort ändern, nicht aber seinen Fingerabdruck, seinen Netzhautabdruck oder seine DNA. Dies machen Hacker sich für eigene Zwecke oder im Dienste von kriminellen Organisationen zu Nutze. Die neuen Technologien bergen neue Risiken.

In den Vereinigten Staaten engagiert sich Katherine Albrecht gegen die Identifizierung über Radiowellen (Radio Frequency Identification, RFID). Sie warnt vor einer Beschränkung der individuellen Freiheit unter dem Druck der Industrie: Die Hersteller, so Albrecht, wollen in jedes Produkt einen Mikrochip einsetzen, um genau feststellen zu können, wer wann und wo welche Produkte kauft. Hierdurch informieren sie sich unbemerkt über die Konsumgewohnheiten des Verbrauchers. Die RFID-Revolution ist in vollem Gange, und Mikrochips sind in unserem Alltag, in Forschungszentren und Krankenhäusern bereits allgegenwärtig. In Europa und Amerika wurde sogar bereits damit begonnen, Mikrochips in den menschlichen Körper einzupflanzen. Die Dokumentation zeigt erstmals, wie ein implantierter Chip entfernt wird. Anschließend führt sie nach Mexiko, das auf dem Gebiet der Chipimplantate eine ähnliche Vorreiterrolle spielt wie London bei der Videoüberwachung. Allein in Mexico City haben rund 1.000 Personen ein Implantat, zumeist aus medizinischen Gründen. Ein Fachmann für Geolokalisierung spricht über zukünftige Anwendungen, bei denen durch Kombination des RFID-Chips mit einem GPS-Sender der gechipte Gegenstand oder Mensch in Echtzeit geortet werden kann. Entführungen erleben in Mexiko einen solchen Boom, dass manche Unternehmen ihren Angestellten kostenlose Geolokalisierungssysteme anbieten.

Der Film stellt die Frage, welchen Preis wir für eine möglicherweise trügerische Sicherheit zu zahlen bereit sind. Jede der neuen Technologien mag für sich gesehen beherrschbar erscheinen, doch wie wird die Gesellschaft in 10 oder 15 Jahren aussehen, wenn all diese Systeme geballt zum Einsatz kommen?

15:35 widerstand.com
Überall in der Welt werden heute Stimmen laut, die vor einer Einschränkung der persönlichen Freiheit des Menschen durch moderne Überwachungstechnologien warnen. Globalisierungsgegner, Anarchisten mit Hang zu zivilem Ungehorsam und fortschrittsfeindliche Ex-Hippies treten hier ebenso in Erscheinung wie begabte junge Hacker und Menschen, die an eine weltweite Verschwörung glauben. Sie alle vereint der Kampf gegen Verfolgungs- und Registrierungstools. Verantwortungsbewusste Bürgerinitiativen setzen sich zur Wehr!

In Paris steht der Verein "Souriez vous êtes filmés" ("Bitte lächeln, Sie werden gefilmt") all denjenigen offen, die die technologische Entwicklung zum Überwachungsstaat aufhalten wollen. Der Verein fordert die Entfernung von Überwachungskameras. Im Film werden Aktivisten beim Abdecken von Kameras gezeigt.

Ebenfalls in Paris zeugen die "Big Brother Awards" von ähnlichem Widerstandsgeist: Alljährlich werden fünf Preise an Personen oder Unternehmen verliehen, die für besonders gravierende Eingriffe in die Freiheitsrechte verantwortlich sind. Jean Marc Manach, einer der Organisatoren der Zeremonie, spricht über die Entstehung der Bewegung und stellt seine Mitstreiter vor.

Die Mitglieder der Berliner Gruppe "Quintessenz" bezeichnen sich selbst als "Hacktivisten". Sie zeigen, wie man sich in ein Videoüberwachungssystem der Polizei einhacken und ein ganzes Kameranetz lahm legen kann. Mit einem Satellitenempfänger fangen sie Kamerabilder ab. Warum tun sie das? Um "Big Brother" keine Chance zu lassen.

In Berlin befindet sich auch der "Chaos Computer Club", das bekannteste Netzwerk "harmloser" Hacker. Im Januar 2006 lüfteten sie das Herstellungsgeheimnis des ersten "RFID-Killers", genannt RFID-ZAPPER. Jeder kann fortan ganz einfach ein kleines Gerät herstellen, das durch ein elektromagnetisches Feld Mikrochips zerstört. Nach Auffassung der Clubmitglieder werden RFID-Tags in unserem Leben bald allgegenwärtig sein. Es war daher höchste Zeit, ein Verfahren zur Ausschaltung dieser "Spione" zu entwickeln.

In Los Angeles wurde Ian Clarke bereits als genialer Erfinder von "Freenet" zur Legende: Es handelt sich um eine 100 % verschlüsselte und vollständig anonyme Alternative zum Internet. Obwohl es noch recht wenig bekannt ist, soll dieses "Darknet" bereits zwei Millionen Nutzer angezogen haben. Der gebürtige Ire Ian Clarke, ein Fachmann für künstliche Intelligenz, tritt vor allem gegen die Kontrolle des Internets ein: "Eine Demokratie stützt sich auf ihre Wähler, um die Regierung zu legitimieren. Doch wenn die Regierungen kontrollieren können, welche Informationen die Wähler erreichen, dann wird die Demokratie verfälscht. Auf Freenet (und nirgendwo sonst) findet man z.B. Freesites von chinesischen Regimegegnern, geheime Handelsabkommen der Scientology-Kirche, Enthüllungen über das elektronische Wahlsystem Diebold in den Vereinigten Staaten usw." Im Hintergrund überwachen Dutzende Riesenantennen wie gigantische Ohren pausenlos den E-Mail-Verkehr in der ganzen Welt.

Der Film zeigt Beispiele für individuellen und kollektiven Widerstand, wobei jeweils eine besonders charakteristische Aktion oder Kampagne im Vordergrund steht."Resistant.Com" versteht sich als filmisches Manifest und stellt sich bewusst auf die Seite der Opponenten. Auch in der Machart des Films kommt der Kampf gegen die allgegenwärtige Überwachungsmacht zum Ausdruck. Die Regieführung macht deutlich, dass die Aktivisten gewollt im "Untergrund" operieren. Kontrapunktisch dazu stehen die wie Laborversuche anmutenden nachgestellten Widerstandsaktionen.

16:05 Big Brother City
Nirgendwo auf der Welt werden die Bürger so gut überwacht wie in Großbritannien: Hier gibt es 4 Millionen Videokameras, d.h. eine Kamera für 14 Einwohner! Duncan Campbell, freier Journalist und Verfasser des Berichts über das Abhörsystem "Echelon" für das Europäische Parlament, zeigt die Orwellsche Dimension der britischen Hauptstadt, die eine wahre Versuchsküche für "Big Brother" geworden ist.

In London, so Duncan Campbell, herrschen science-fiction-artige Zustände, die sogar Orwells Phantasie noch übertreffen. Überall überwachen Kameras die als potentielle Kriminelle betrachteten Bürger. Das Erstaunlichste ist, dass die Bevölkerung diesen Zustand schicksalsergeben akzeptiert. Haus und Auto waren bisher die letzten Bastionen der Privatsphäre, doch selbst das soll sich ändern.

Anfang dieses Jahres führt Großbritannien auf dem gesamten Staatsgebiet ein System zur automatischen Nummernschild-Erkennung ANPR ein (Automatic Number Plate Recognition). "Mit Hilfe eines Netzes von Kameras, die automatisch die Kennzeichen aller vorbeifahrenden Fahrzeuge erfassen, soll eine riesige Datenbank geschaffen werden. Sie gibt Polizei und Sicherheitsdiensten Auskunft über sämtliche Strecken, die ein Fahrer (selbst über Jahre hinweg) zurückgelegt hat", betont Duncan.

Auch der Markt für Hausüberwachungssysteme boomt in Großbritannien. Der Inhaber eines Fachgeschäfts bekräftigt, dass er 90 % seines Umsatzes im privaten Bereich erzielt. Von der klassischen Überwachungskamera an der Haustür bis zum stecknadelkopfgroßen Hightech-Spion kann man alles kaufen.

Und jeder bespitzelt jeden. Im Londoner Stadtteil Shoreditch zum Beispiel sind die Überwachungskameras über Kabel allen zugänglich. Für 3,50 £ pro Woche können Abonnenten die Bilder von ca. 400 Kameras auf dem heimischen Fernsehgerät empfangen. Die Aktion wurde gestartet, um gegen unsoziales Verhalten vorzugehen. Für Duncan Campbell wirft diese gegenseitige Bespitzelung allerdings die Frage nach dem Schutz schwacher Menschen, zum Beispiel Kinder, auf.

Selbst wenn die Mehrheit der Briten die ständige Überwachung zu akzeptieren scheint, werden doch auch kritische Stimmen laut. Sie richten sich vor allem gegen die biometrische Datenerfassung. Die Datenbank genetischer Fingerabdrücke wächst beunruhigend schnell. Das britische DNA-Register ist das umfangreichste der Welt. In ihm sind 5,24 % der Bevölkerung verzeichnet, gegenüber 1,13 % in den Vereinigten Staaten und 0,41 % in Deutschland. In Frankreich wird nur jeder tausendste Bürger erfasst, aber die Tendenz ist steigend.

"Der britische Bürger wird nicht mehr nur gefilmt, sondern auch von Kopf bis Fuß biometrisch erfasst", bemerkt Duncan. Dies dient vor allem der Zugangskontrolle zu Schulen, Privatclubs und Stadien.

Doch die Kontrolle jedes einzelnen Menschen lässt sich noch weiter treiben. Vor einigen Monaten gelang es dem britischen Wissenschaftler Kevin Warwick, durch zwei elektronische Implantate sein Nervensystem mit einem Computer zu koppeln. Der erste Cyborg der Welt!

Wird man demnächst die Maschinen mit dem menschlichen Gehirn vernetzen?





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